Eva liest

Hüttentour Königssee

  • Königssee

Ich war noch nie so froh, eine Wiese zu sehen

eine unerschrockene Wanderin

Spoiler Alarm: Wir wollten den Watzmann, aber der Watzmann wollte uns nicht.

Doch alles nach der Reihe. Es sollte eine weitere Hüttentour in den Reihen meiner glorreichen Wanderabenteuer werden. Diesmal allerdings nur zu dritt und nicht zu viert wie noch im vergangenen Jahr. Der Watzmann in Berchtesgaden am Königsee sollte das Ziel sein. Zahlreiche Sagen und Mythen ranken sich um Deutschlands dritt höchsten Berg entlang des wohl malerischsten Sees, den ich kenne und diesen Sagen wollten auch wir nachgehen. Also wurde eine Tour rausgesucht, die uns vier Tage lang rund um den Watzmann, seiner Frau und deren Kinder führen sollte. Abgerundet wird der Trip durch die Berge mit einem wohlverdienten Aufenthalt in der Therme um unsere geschundenen Muskeln wieder auf Vordermann zu bringen. Und so buchten wir unser Zugticket und unserer Hütten; bis auf eine. „Ach Eva, da mach ich mir gar keine Sorgen. Die haben immer ein Notbett und zur Not schlafen wir auf der Bank in der Stube, hab´ ich alles schon hinter mir.“ Okeee, beunruhigte mich ja gar nicht, diese Aussage. Nachdem alles gebucht war und die Tour stand, sprang unsere dritte Frau ab und so sollten Carmen und ich uns alleine dem großartigen Watzmann stellen. Aber nicht lange. Gleichzeitig ging die Bergtour von Tim im See baden und kurzerhand haben wir zwei Frauen Tim mit in unsere illustre Runde aufgenommen. War ja eh alles für drei gebucht und weil wir jetzt männliche Verstärkung hatten und wir Tim nicht alleine mit zwei Frauen in den Bergen wandern lassen wollten, kam kurzer Hand Dirk noch mit hinzu. Die Tour stand, die Hütten waren gebucht (bis auf eine) und das abschließende Hotelzimmer auch. Da eine Watzmannüberschreitung für Carmen und mich nicht in Frage kam (ich mein: wer will schon freiwillig zwei Stunden über einen Grat marschieren, wo es zu beiden Seiten senkrecht und mehrere Hundertmeter runtergeht? Ich will das nicht, und Carmen auch nicht. Für so etwas bin ich wirklich nicht schwindelfrei genug und Klettersteig kann ich ebenfalls nicht so gut gehen. Schon mal 300 Meter senkrecht nach unten geschaut? Nein? Tja, kann ich auch nicht empfehlen), sollte Tim diese alleine machen und uns am Abend des zweiten Tages auf der Wimbachgrieshütte in 1327m Höhe wiedertreffen. Voller Vorfreude sehnten wir der Tour entgegen, bis dieser Anruf kam: „Du Eva, die Wimbachgrieshütte ist vollkommen ausgebucht und kann uns nicht mehr aufnehmen.“ Dedümm… Was tun? Eine Alternativroute musste für uns her. Was wirklich gar nicht so einfach ist, denn entweder waren die Tagesrouten zu lang, „Schafft ihr eine Tagestour von 10 Stunden reiner Gehzeit?“ ähh…Nein?! Oder es war ein Klettersteig zu nehmen, der ABGESTIEGEN werden sollte „Ähm. Hast du dir mal bei YouTube Videos dazu angesehen? Ich geh das nicht!“ – „Ach komm, so schlimm ist das doch nicht (liest sich durch diverse Foren durch in denen steht: sollte nur bei absoluter Trittsicherheit und Schwindelfreiheit begangen werden. Absolute Alpine Erfahrungen sind hier notwendig) hmm…ich such euch besser was Anderes raus.“ Es war schier zum Verzweifeln. Zwei Wochen vor Tourstart hatte sich unsere Tour in Rauch aufgelöst und ich hatte eine Brieffreundschaft mit der Besitzerin unseres Zimmers in Berchtesgaden weil ich erst ein Zimmer für drei, dann für zwei, dann für vier, dann einen Tag früher und dann gar keins mehr wollte, weil Tim ein viel cooleres für uns vier rausgesucht hatte. Willkommen Stornierungsgebühren. Weil es mir einfach zu peinlich war, die Stornierung rückgängig zu machen, regelte Carmen für mich das Chaos und ich meinte noch so: „Diese Wanderung steht unter keinem guten Stern“ – „Ach was, alles wird gut und kann nur besser werden.“ Spoiler Alarm: wurde es nicht.

Wir hatten also unsere Alternativroute und sollten am Abend des zweiten Tages Tim auf dem Kärlingerhaus in 1638m Höhe wieder treffen. So verabschiedeten wir uns am Sonntagvormittag als er zum Watzmannhaus aufbrauch und wir uns auf dem Weg zu Gotzenalm machten. Nachdem wir mit dem Boot über den Königssee gefahren sind und wir das berühmte Echo vom Watzmann miterleben durften, begaben Carmen, Dirk und ich uns zum Aufstieg des Kesselsteigs um 1100 Höhenmeter zu bewältigen. Alles in allem war es ein traumhafter Aufstieg entlang des Königsees mit seiner unglaublichen Grünfärbung und dem Wiederhall der Echos durch die Trompeten der Fährmänner. Bis es anfing zu regnen. Und bis wir merkten, dass der Aufstieg immer steiler wird, und bis wir merkten, dass wir keinen Handyempfang mehr hatten. Ich schwöre, die letzten 250m des Aufstieges waren so steil, das ich fast aufrecht auf allen vieren den Weg hochklettern konnte! Ich war so fertig, dass ich keine 10m weiter zu dem wunderschönen Aussichtsplateau laufen wollte, um einen Blick auf den Königsee zu werfen (den wir vor lauter Regenwolken eh nicht gesehen hätten). Ich war nur noch froh, endlich unser erstes Etappenziel, die Gotzenalm, zu sehen. Hier würden wir die erste Nacht verbringen.

Nachdem wir uns am Waschbecken frisch machen konnten (jaaa genau, es gab keine Duschen, nur kaltes klares Wasser) schauten wir uns nochmal die Route für den nächsten Tag an. Bis man uns sagte, dass wir so wie geplant nicht zum Kärlingerhaus aufsteigen konnten, weil der Sagerecksteig vom Königssee hoch zum Kärlingerhaus nach einem Winterrutsch noch nicht richtig angelegt worden war. Uns bis man uns sagte, dass wir den Abstieg über den Kaudersteig nicht machen konnten, weil der ebenfalls noch gesperrt war (In der Woche zuvor hat sich Tim natürlich schlau gemacht und beim DAV gecheckt, ob alle Steige frei waren: waren sie. Ironie? Sarkasmus?). Also kam Plan B her. Wir mussten einen Umweg von 11km über den Landtalsteig machen. Aber wie sollten wir Tim diese Nachricht zukommen lassen. So ohne Empfang. Rauchzeichen? Das wäre wohl die bessere Wahl gewesen. Wir schickten Dirk los um in ca. 1km Entfernung zur Hütte ein winziges Signal zu erhaschen und Tim unsere geänderte Route mitzuteilen. Und so sollte der Abstieg des Grauens an Tag zwei beginnen.

Aber zuerst schien die Sonne. Jubel! Wir packten unseren Rucksack und wollten uns beschwingt in die Wanderschuhe schmeißen, als es zu regnen anfing. Joa, war ja auch gemeldet aber es hielt sich noch in Grenzen. Also Regensachen an und ab geht es (ich mein, mit wandern im Regen kenn ich mich ja doch schließlich aus Hust*Dänemark*Hust). Die erste Hälfte war wirklich gut zu gehen und landschaftlich absolut wunderschön. Zwischen Bäumen, Steinen und Kühen genossen wir die frische Luft und freuten uns auf 1100m bergab, nur um dann 1600m wieder bergauf zu gehen. Doch zuerst sollte ein kosmischer Scherz auf uns hernieder prasseln. Es regnete in Strömen und machte alles nur noch glitschiger, als es eh schon war. Wir passierten Abgründe die mit Stahlseilen gesichert waren und konnten stellenweise keine 100m weit schauen. Ungünstig für eine Wanderung in einer der steilsten Wanderregionen Deutschlands. Irgendwann kamen Carmen und ich überein, das wir bestimmt nirgends mehr aufsteigen werden. Nach 4 Stunden steilem bergab laufen hatten wir unsere Beine nicht mehr unter Kontrolle und den Oberschenkeln trauten wir auch nicht mehr über den Weg. Dieser Steig forderte alles von uns und wir waren noch nicht unten. Wir legten uns sämtliche zur Verfügung stehende Pläne zurecht: Vielleicht gehen wir nur zur Wasseralm und übernachten dortz um an nächsten Tag weiter zum Kärlingerhaus aufzusteigen. Vielleicht hätten wir an der Fischunkelalm Empfang und könnten Tim das mitteilen. Vielleicht sollten wir auch einfach in dem bereits gebuchten Gästehaus in Berchtesgaden anrufen und fragen, ob sie auch schon ein Zimmer für die kommende Nacht hätten. Nur wir erreichten Tim nicht. Keiner von uns hatte auch nur annähernd Empfang und wenn sich mal ein Balken hat blicken lassen, haben wir direkt einen Anruf an ihn losgeschickt. Buschtrommeln oder Rauchzeichen wären wohl effektiver gewesen. Nach sechs langen und quälenden Stunden des Abstieges haben wir uns ein Zimmer im Gästehaus unseres Vertrauens geholt und waren mit den Nerven am Ende, denn Tim hatten wir immer noch nicht erreicht. Aber eine SMS von ihm, das er zum Kärlingerhaus aufsteigen würde. Welch eine Erleichterung für mich zu wissen, dass er bei diesem schlechten Wetter keine Watzmannüberschreitung gemacht hat, den Rinnkendlsteig ABGESTIEGEN ist, den wir nicht gehen wollten, und dann wieder 1600m den Berg hoch gekrabbelt ist und nun sicher und trocken auf uns warten würde (Spoiler Alarm: es war nicht trocken). Dennoch wusste Tim nicht, dass wir am nächsten Tag zu ihm hochkommen würden und nicht noch am gleichen. Er würde sich Sorgen machen. Nur was tun, wenn man in einer Touristenhochburg sitzt, in der der Handyempfang vergleichbar mit dem in einem Betonbunker ist? Richtig. Man wendet sich an die Tourist Information voller Hoffnung auf Hilfe und bekommt gesagt: „Tja, wir haben auch keine andere Möglichkeit das Kärlingerhaus zu erreichen. Wenn keiner ans Telefon geht, müssen sie wohl eine eMail schreiben.“ Ok, also habe ich eine eMail geschrieben mit allen wichtigen Infos: Bitte unser Bett stornieren, weil wir wetterbedingt nicht aufsteigen können; bitte meinem Mann dies ebenfalls mitteilen, weil kein Empfang; bitte um Rückbestätigung, damit ich weiß alles kam an. So ging ich beruhigt duschen, bis mein Handy klingelte. Tim hat sich das Satelittentelefon des Kärlingerhauses geschnappt um mich zu erreichen „Wärst du jetzt nicht ans Handy gegangen, ich hätte die Bergwacht angerufen.“ Natürlich kam keine meiner 100 Nachrichten durch, auch nicht die 10.000 Anrufe von Dirk und, wen wundert es, auch nicht meine Mail an das Kärlingerhaus obwohl diese doch bei Stornierung unbedingt eine Mail wollten!!! Nachdem wir uns beide beruhigt hatten und ich sagte, wir würden am nächsten Tag zu ihm aufsteigen sagte er nur „Auf keinen Fall. Ihr steigt nicht auf. Ich steig ab. Kommt nicht hoch.“ Ups… also warteten wir drei am nächsten Tag ab 9:30 h am Fähranleger Königssee bei 15 Grad und Massentourismus. Und dann kam er endlich um 14 Uhr aus dem Boot gestiegen, patsch nass, dreckig bis in die Kniekehlen und fertig wie ein Stück Brot. Und er erklärte uns auch, weshalb wir nicht aufsteigen sollten. Ich meine, wenn ich eine Bergtour mache, dann weiß ich, dass es kein Luxusurlaub wird und ich auf einiges verzichten muss. Aber wenn es nur ein Plumpsklo im Innenhof, eine Waschstation unter freiem Himmel gibt und der Trockenraum nicht zum Trocknen der nassen Wanderklamotten eingeschaltet wird, tja dann ist auch meine Schmerzgrenze erreicht. Tim hatte recht, wir wollten wirklich nicht dorthin. So entschieden wir uns noch am gleichen Tag in die Sauna zu fahren (denn wir konnten keinen Schritt mehr ohne Schmerzen laufen) und am nächsten Tag heimzufahren (bei strahlendem Sonnenschein) und so unsere Tour einen Tag eher abzubrechen als geplant. Aber wir kommen wieder, Carmen und ich bezwingen noch den Watzmann. Ich glaube fest daran, denn Landschaftlich ist der Watzmann einmalig. Nur diesmal hat er uns unsere Grenzen aufgezeigt was wir können, und was nicht. Und was ich nicht kann, ist meinen unmenschlichen Muskelkater loszuwerden! Aber es war dennoch schön. Die Gotzenalm gehört zu den schönsten, die ich bisher kenne und die Landschaft ist einfach wunder-, wunderschön. Ich fahre wieder zum Watzmann.

Unsere Route im Detail:

Tag 1: mit dem Boot über den Königssee zum Anleger Kessel und über den Kesselsteig zur Gotzenalm.

Tag 2: Abstieg von der Gotzenalm über den Sagerecksteig zur Saletalm. Dann Aufstieg über die Saugasse zum Kärlingerhaus

Tag 3: Rundwanderweg durch das Steinerne Meer und eine weitere Übernachtung auf dem Kärlingerhaus

Tag 4: Abstieg über die Saugasse zu St. Bartholomä und Überfahrt mit dem Boot zum Anleger Königssee.

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